Zwei Jüdinnen im Austausch mit unseren Schüler*innen

Foto: Jennifer (l.) und Sonja kamen am Donnerstag mit den Zehntklässlern des CBG ins Gespräch.
Originalartikel erschienen bei RP-online (20.02.26): Link
„Zwei Jüdinnen berichten in Erkelenz „Diskriminierung war immer ein Thema in meinem Leben“
Erkelenz · Jennifer und Sonja leben als junge Jüdinnen in NRW. Jetzt sind sie mit Schülern des Cornelius-Burgh-Gymnasiums in den Austausch gekommen – und erzählten auch von unschönen Erfahrungen.
Als zu Beginn die Frage aufkommt, wer von den Zehntklässlern schon einmal mit einem Juden gesprochen hat, geht im Klassenraum des Cornelius-Burgh-Gymnasiums (CBG) in Erkelenz kein einziger Finger nach oben. Das Bild ist bezeichnend, denn sichtbares jüdisches Leben existiert im Kreis Heinsberg seit dem Holocaust nicht mehr. Umso wichtiger sind daher Initiativen wie die des Projekts „Meet a Jew“ des Zentralrats der Juden. Dabei kommen Jüdinnen und Juden in Schulen, um aus ihrem Alltag zu erzählen. In Zeiten des wieder wachsenden Antisemitismus ein wichtiges Signal.
Als CBG-Lehrerin Pia Fritzen von dem Projekt erfuhr, lud sie die Initiative nach Erkelenz ein. Und so kamen jetzt mit Jennifer (25) aus Dortmund und Sonja (22) aus Düsseldorf zwei junge Jüdinnen in die Schule, um die vielen Fragen der Zehntklässler zu beantworten. „Ich hoffe, dass ihr jetzt ein besseres Bild von uns habt, und versteht, dass Juden ganz normale Menschen sind, die vielleicht ein paar etwas andere Traditionen haben, aber genauso hier leben“, sagte Sonja am Ende – und fügte augenzwinkernd mit Blick auf manches Vorurteil an: „Wir haben auch nicht vor, die Weltherrschaft zu übernehmen.“ Jennifer meinte: „Ich glaube, es ist sehr wertvoll, mit Minderheiten zu sprechen, weil man sie im Alltag oft nicht sieht. Habt als junge Generation ein Auge auf solche Minderheiten und setzt euch für sie ein.“
Vorher hatten die beiden unter anderem von jüdischen Traditionen wie dem wöchentlichen Ruhetag Schabbat, den verschiedenen Strömungen zwischen Liberal und Ultraorthodox im Judentum, jüdischen Jugendzentren und Gottesdiensten erzählt.
Freilich wurde es in vielen Momenten auch ernst. So erzählte Jennifer, deren Familie während ihrer Jugend mehrere Jahre streng orthodox lebte: „Diskriminierung war immer ein Thema in meinem Leben.“ Schon in der Grundschule habe sie die ersten Erfahrungen damit gesammelt: „Ich habe von einem Mitschüler ein Zettelchen bekommen, auf dem stand, dass er mich umbringen möchte. Ein paar Wochen später hat er mit ein paar anderen meinem Bruder in der Stadt mit einem Messer aufgelauert. Den Abend haben wir als Familie auf der Polizeistation verbracht.“ Später hätten sie und eine Freundin beim Seilchenspringen nicht mitmachen dürfen, „weil ihr Juden seid“ – Bekannte seien deswegen auch in der Schule verprügelt worden.
Auch heute könne sie nicht einfach in die Synagoge gehen: „Die Polizei steht vor unserer Synagoge, man kommt nicht einfach rein, es gibt Sicherheitskontrollen und Security.“ Für Menschen, die das nicht selbst erleben, sei das häufig schwierig nachzuvollziehen.
Beide Jüdinnen verglichen das Leben auch mit dem in Israel. „In Jerusalem leben Menschen mit drei verschiedenen Religionen zusammen, und trotzdem wirkt vieles einfacher und friedlicher“, sagte Sonja. Beide sorgen sich vor dem wieder aufkeimenden Antisemitismus und würden sich von ihren Mitmenschen mehr Unterstützung wünschen: „Auf den Demonstrationen gegen Antisemitismus ist leider kaum eine Person zu sehen, die nicht unserer Religion angehört“, sagte Jennifer.
Doch auch lockerere Themen kamen zur Sprache. So berichteten die beiden von einem großen Musik- und Tanzwettbewerb, den in jedem Jahr die jüdischen Jugendzentren in ganz Deutschland veranstalten: die Jewrovision. Auch darüber hinaus seien die jungen Menschen in den Gemeinden sehr aktiv und sehr gut vernetzt.
Am Cornelius-Burgh-Gymnasium soll das Thema in Zukunft noch mehr Relevanz gewinnen. Unter anderem wird es in diesem Jahr deshalb eine Fahrt in das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz geben, an der Schülerinnen und Schüler teilnehmen können. Solche Fahrten organisiert beispielsweise auch die Erkelenzer Gemeinschaftshauptschule schon seit vielen Jahren. (cpas fbue)“
Text & Foto: Christos Pasvantis / RP-online



